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Das Hochhaus. 102 Etagen Leben

© Katharina Greve – www.das-hochhaus.de

Das Hochhaus. 102 Etagen LebenvonKatharina Greve

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Immer dienstags kommen die Bauarbeiter. Dann wächst das Hochhaus, das die Berliner Comic-Autorin Katharina Greve im Internet entstehen lässt, um eine Etage. Und um jeweils eine weitere Episode, mit der Greve Zwischenmenschliches, Soziales und Politisches kommentiert. Da pöbelt ein Ehepaar über Flüchtlinge – und die Tochter sehnt sich nach politischem Asyl bei den Nachbarn. Da provozieren die Fernsehnachrichten in einem Wohnzimmer den Dialog: „Warum machen diese Selbstmordattentäter das?“ – „Vielleicht, damit sie sich diese Frage niemals selbst stellen müssen.“ Und im Keller schimpft ein Mann, der Kisten durchsucht, während seine Frau die Taschenlampe hält: „Wie schon Goethe sagte: ,Mehr Licht‘, blöde Kuh!“ – und sie denkt sich: „Wenn ich ihn JETZT umbringe, wären sogar seine letzten Worte abgedroschen!“
Die studierte Architektin Katharina Greve verbindet in ihrem Projekt die pointierte Unmittelbarkeit des Einbildwitzes auf erfrischende Weise mit dem Potenzial der längeren Bilderzählung, komplexe Geschichten zu erzählen. Auch wenn die Fertigstellung der Erzählung für den Herbst 2017 geplant ist, zeichnet sich bereits jetzt ab, dass die vielfältig miteinander verbundenen Episoden am Schluss etwas ergeben, was die Grenzen der Kunstform formal erweitert.
Ähnlich wie in ihrer ersten Comic-Erzählung „Ein Mann geht an die Decke“ aus dem Jahre 2009, die im Berliner Fernsehturm spielte, nutzt die studierte Architektin Greve ihre Vorbildung auf sehr unterhaltsame Weise. Ihre klare, reduzierte Bildsprache hat sie weiter verfeinert, ihr fast technisch anmutender Zeichenstil passt gut zum Thema. Mit trockenem Witz und großem Einfühlungsvermögen erzählt sie von menschlichen Schwächen und Stärken, Ängsten und Hoffnungen. Dafür verbindet sie die komplexen visuellen Möglichkeiten der Kunstform Comic kongenial mit den architektonischen Gegebenheiten des Handlungsortes.
Zu Anfang ihrer Comic-Karriere attestierte eine Rezensentin der Architekturfachzeitschrift „Bauwelt“ der Zeichnerin: „Es muss nicht immer ein Unglück sein, wenn sich eine Architektin gegen ihren erlernten Beruf entscheidet.“ Greves aktuelles Projekt zeigt: Das stimmt.